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Re: fblinu Aufruf vom Blindenverband



Ahmet Guel wrote:
>
> Hallo zusammen!
>
> Ich moechte mit Euch etwas, ich finde nicht unwichtiges, diskutieren.
>   Der
> deutsche Blindenverband hat In seiner Presseerklaerung bezueglich
> dem Tag   des
> weissen Stockes erklaert, dass wir Blinden das Recht haben, in der
> DAtenwelt
> mitgenommen zu werden; deshalb sollte man mit dem Dos weitermachen und
> Programme dafuer entwickeln. Ich denke, dem Sinne nach habe ich es
> richtig
> verstanden.
> Was meint Ihr? Ist dieser Aufruf in Ordnung?

Hallo Ahmet,
ich habe diesen Aufruf auch gelesen und er hat mich dazu bewegt,
folgende Stellungnahme abzugeben.
                  WINDOWS ein Horror fuer Blinde?
                      (Von Bernd Fritzsche)

Der DBV hat den "Tag des weisen Stocks" (15.10.1997) unter das
Thema "Multimedia" gestellt. In der Presseerklaerung des DBV wird
die Forderung nach "blindengerechter" DOS-Software wieder einmal
laut.

Das ist fuer mich der Anlass einmal zu schildern, dass WINDOWS auch
Blinden Vorteile bringt und viele Aengste unbegruendet sind.

Zu meiner Person:

1981 habe ich die Ausbildung zum DV-Kaufmann beendet und zunaechst
nur an Grossrechnern gearbeitet. 1987 begann ich die ersten
Erfahrungen mit einem XT PC unter DOS 3.2 zu sammeln.
Seit 1996 gehoere ich zu den Blinden, die auch mit WINDOWS 3.11
arbeiten und das kam so:

Als Besitzer der Schrifterkennungssoftware OPENBOOK gehoerte
ich zu den PC-Anwendern, die WINDOWS nutzten, ohne das sie es
bemerkten, da durch entsprechende Programmanpassung der Firma
Arkenstone OPENBOOK mit Blindenhilfsmitteln auf der DOS-Ebene
komuniziert. Mit dem Scanner wurde etliche Software
ausgeliefert, die mir sehr sinnvoll erschien, aber nur unter
WINDOWS lauffaehig ist. Das erlebte ich immer oefter. Software, die
ich nutzen wollte gab es nicht in einer DOS-Version.
Schliesslich war die Frustration so gross, dass ich beschloss,
eine der inzwischen auf dem Markt erhaeltlichen
Brueckensoftwares - die WINDOWS fuer Blinde zugaenglich macht -
anzuschaffen.

Hier fiel meine Entscheidung auf "BLINDOWS" der Firma Frank
Audiodata.

Die Installation war problemlos. Das mitgelieferte Handbuch
beschreibt die notwendigen Schritte der Reihe nach.
Das Arbeiten mit der BLINDOWS-Software ist einfach und sehr
zuverlaessig.

Bewaffnet mit dem Buch "WINDOWS fuer Blinde" von U. Kalina - das
ich jedem empfehle, der WINDOWS nutzen moechte - und einer Portion
Forscherdrang ging ich an's Werk. Sehr schnell habe ich mir
einige Programme nutzbar gemacht. So richtig voran hat mich dann
eine einwoechige WINDOWS-Schulung bei der "Stiftung Blindenanstalt
Frankfurt" gebracht.

Folgende Anwendungen nutze ich inzwischen unter WINDOWS:
Scanner und PC als komfortables Vorlesegeraet fuer Buecher.
Scanner und Drucker als Fotokopierer.
Scanner, Modem und Drucker als FAX-Geraet.
Der PC ist ein Multimedia-Player, mit dem Audio-CD's
zu WAVE-Dateien werden, die anschliessend bearbeitet werden
koennen.
Die Nachschlagewerke "Neue deutsche Rechtschreibung" und
"DINFO/97" sind im Einsatz.
Die Textverarbeitung WIN-WORD und die Tabellenkalkulation EXCEL
benutze ich inzwischen auch.
Zuletzt ist die Internet-Software hinzugekommen.

Wenn ich ein Programm finde, das mich interessiert, installiere
ich es und probiere es aus. Die Installation selbst laeuft in der
Regel problemlos. Erst in den Programmen selbst tauchen
grafische Symbole auf, die nicht erkannt werden. Hier gehe ich
dann wie folgt vor:
Ausprobieren was geschieht, wenn das unbekannte Symbol
angeklickt wird. Oeffnet sich beispielsweise das CD-ROM-Laufwerk,
ist die Funktion eindeutig. BLINDOWS ermoeglicht dem Anwender die
Zuordnung von Bezeichnungen zu grafischen Symbolen im Dialog. Es
ist nicht notwendig eine Programmiersprache oder aehnliches zu
erlernen. Auf diese Weise ist es mir gelungen ohne fremde Hilfe
eine CD-Player-Software komplett in drei Stunden zu trainieren.
Dies waere mit Hilfe eines Sehenden natuerlich viel schneller
gegangen. Wichtig fuer mich ist jedoch, dass solche Anpassungen
auch alleine machbar sind. Auf diese Art wird man nicht jedes
Programm in den Griff bekommen, bis jetzt bin ich jedoch immer
recht weit gekommen, so dass sich die notwendigen Rueckfragen in
Grenzen halten liessen.

Echte Vorteile beim Arbeiten unter WINDOWS sind:
Der Drucker wird einmal eingerichtet und jede Anwendung die
drucken kann, druckt richtig. Jede Anwendung kann im Hintergrund
drucken.
Gleichzeitiges Oeffnen von mehreren Anwendungen und Wechseln
zwischen diesen, ohne das z. B. die Verbindung zum Modem
verloren geht.
Die Benutzungsoberflaechen der Programme sind weitesgehend
standardisiert und damit viel aehnlicher, so dass das Einarbeiten
oft wesentlich leichter ist.

Natuerlich stosse ich auch immer wieder mal an Grenzen, wenn sich
eine Software vollgrafisch praesentiert. Das hat es aber auch
bereits unter DOS gegeben.

Ueber eines sollte man sich im Klaren sein:
Aenderungen an DOS-Software wird es nur noch in Einzelfaellen
geben.
An dieser Stelle sei einmal Klaus Speisekorn fuer seine Bemuehungen
gedankt, die zu Verbesserungen in F&A und HAFAS gefuehrt haben.
In der Regel laufen Gespraeche mit Softwareherstellern aber
inzwischen so:
Wir werden pruefen, ob wir evtl. in der WINDOWS 95 Version eine
entsprechende Aenderung vornehmen koennen. An der WINDOWS 3.11
Version mit Sicherheit nicht. Der Quellcode der DOS-Version ist
nicht mehr auffindbar.

Meiner Meinung nach sollten die Aktivitaeten der
Selbsthilfeorganisationen wie DBV, DVBS, ISCB und Arbeitskreis
EDV dahin gehen, die Entwickler von WINDOWS-Software fuer die
Probleme Sehgeschaedigter zu sensibilisieren. Sie sollten dafuer
sorgen, dass geeignetes Schulungsmaterial zum Erlernen von WINDOWS
verfuegbar gemacht wird. Ausserdem sollte die Furcht vor grafischen
Benutzungsoberflaechen nicht geschuert, sondern durch kompetente
Aufklaerung genommen werden.

Was denkt sich wohl ein potentieller Arbeitgeber, wenn er in der
Zeitung liest, dass Blinde nicht mit WINDOWS arbeiten koennen?

Seit 14 Jahren arbeite ich im selben Konzern. In dieser Zeit hat
sich dreimal die gesamte Arbeitsumgebung geaendert. Die vierte
Umstellung wird gerade vollzogen und zwar auf WINDOWS NT. Wenn es
keine Blindenhilfsmittel gaebe, die eingebunden werden koennten,
waere meine Weiterbeschaeftigung in Frage gestellt.

Was jemand auf seinem heimischen PC treibt bleibt ihm unbenommen.
Ich arbeite auch noch mit der DFUe-Software TELIX fuer DOS, der
Datenbank F&A und meine Mailbox laeuft auch unter DOS.
Wenn aber Blinde und Sehbehinderte in Zukunft in der Arbeitswelt
bestehen wollen, werden sie nicht umhin kommen mit der selben
Software wie die sehenden Kollegen zu arbeiten. Wer das nicht
will, begibt sich auf den Stand von Braillex und Versabraille
zurueck. Das heisst, auf eine einsame Insel!

Zum Schluss noch eine Beobachtung, die allen zu denken geben
sollte, die Presseerklaerungen verfassen:

Am 24. und 25.10.97 war ich auf der REHA in Duesseldorf. Bei allen
Hilfsmittelherstellern herschte ein grosser Andrang. Wenn jemand
sich fuer Braille-, Sprach- oder Grossschrift im Zusammenhang mit
PC interessierte, dann auch immer fuer WINDOWS oder OS/II weil es
fuer den Arbeitsplatz benoetigt wird. Das zeigt deutlich die
Realitaet in der Arbeitswelt.