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Re: Psychologie des Lesens



Hallo nochmals!
Eberhard, Du weist zunaechst darauf hin, dass sich die 12punkt-Stachel-
schrift nicht durchgesetzt hat und bezweifelst, dass jemand ca. 66000
Zeichen zugleich im Kopf haben kann.  Ein paar Bemerkungen:

1. Stachelschrift:  Ich habe viele Jahre gebraucht, bis ich mit der
Tafelstecherei mit sechs Punkten zurechtkam.  Das Schreiben mit einer
3x4tafel war gewiss eine Folterqual.  Schon das rechtfertigte Brailles
Erfindung.  Noch wichtiger ist jedoch folgendes:  Schwarzschriftzeichen
sind nach optomorphen Kriterien entstanden, Brailles Zeichen nach
haptomorphen.  Diese haben sich so entwickelt, dass sie gut aussehen
und mit dem Auge leicht unterschieden werden; jene verzichten auf
Aesthetik verpflichten sich der einfachen Unterscheidbarkeit durch den
Tastsinn (auch hier gaebe es einiges zu aendern: wieso muss das e
das Spiegelbild des i sein?  Erst nach Jahren konnte ich die beiden
unterscheiden!)  Wollte man eine neue Punktschrift auf 16punktbasis
entwerfen, so muesste man darauf achten, dass sich die wichtigsten
Zeichen mittels Tastsinn bestens voneinander unterscheiden lassen.

2. Merken vieler Zeichen:  Hochstens alstagyptische Priester oder
altchinesische Schriftgelehrte koennen stets zigtausende Zeichen
im Gedaechtnis praesent haben.  Und die brauchen zig Jahre zum Lernen.
Andere Strategien muessen her, damit man den Zeichenvorrat aus der
16punktschrift ausschoepfen kann.  Ich habe das in meinem letzten Brief
zu diesem Thema schon angedeutet (Rotationsprinzip, Umkehrungsprinzip).

Aber: gibt es denn ueberhaupt Reformbedarf fuer die Brailleschrift?
Koennt Ihr Euch eine Schrift vorstellen, die mehr und gleichzeitig besser
lesbare Zeichen enthaelt?  Wenn ja: wie kommt Ihr darauf?
und:  Brauchen wir ueberhaupt mehr Zeichen, die darzustellen sind?

Eberhard, ich habe vor fast zehn Jahren Deinen Artikel zur Hervorhebung
von Zeilen durch Verwendung einer Achtpunktschreibmaschine in den
Marburger Beitraegen mit Interesse gelesen.  Du kamst damals schon zu
dem Urteil, dass das keine besonders gute Hervorhebungsart ist.  Fuer
die Braillezeile hat sich die Darstellung markierter oder hervorgehobener
Textzeichen mit "Unterstreichen" durch Punkt 7 und 8 schon durchgesetzt,
aber wer will so was auf Papier gedruckt lesen?

An einer Schrift haengen nicht nur wahrnehmungspsychologische oder
informationstheoretische Ueberlegungen.  Die Schrift soll - auch fuer
Blinde - "gefaellig" und vor allem gewohnt sein.  Wer unser gutes, altes
Braillesystem stuerzt, der stuerzt eine ganze Schriftkultur.
Deshalb halte ich es fuer fraglich, ob sich eine 16punktschrift
durchsetzen kann, selbst wenn Experimente mit einer sinnvollen Entwicklung
zeigen koennten, dass Foulke tatsaechlich recht hat.  Doch schon an
diesen Entwicklungen und Erfahrungen damit mangelt es ja.  Wir werden
uns also mit der hassgeliebten Brailleschrift bescheiden muessen.

Herzliche Gruesse aus Magdeburg                              Arne Harder
--
Dr. Arne Harder, Otto-von-Guericke-Strasse 57, D-39104 Magdeburg.
Tel. 0049-391-5411241.  E-Mail: harder_bEi_medizin.uni-magdeburg.de
WWW: http://www.med.uni-magdeburg.de/~harder