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LaTeX und Abstraktion



Hallo an alle Tex-perten und solche, die es werden wollen,
In der Wahrnehmungspsycdhologie gibt es einige interessante
Untersuchungen dazu, dass das Gehoer bei Blinden vom
physiologischen Standpunkt dem Gehoer von Sehenden nicht
ueberlegen ist. Die besseren Leistungen Blinder in vielen
akustischen Aufgaben ruehren wohl eher daher, dass sie dem
Hoersinn automatisch mehr Aufmerksamkeitsressourcen zuteilen. Ich
denke, dass es bei der Abstraktionsfaehigkeit genau das gleiche
ist. Die visuelle Wahrnehmung verhindert, dass Sehende in
gleicher weise "akustisch herausgefordert" sind wie Blinde.
Meine Erfahrungen als Honorarkraft im EDV-Schulungsbereich fuer
Blinde und zugleich als Hobby-Zwangs-Berater fuer meine sehenden
KomilitonInnen an der Uni bestaetigen mir den Sachverhalt in
Sachen "abstraktionsherausforderung am PC": Um nicht den
Ueberblick zu verlieren und Programmfunktionen zu verstehen, sind
Blinde und auch hochgradig Sehbehinderte darauf angeweisen, die
theoretische Struktur des ganzen zu durchdringen. Meine sehenden
KomilitonInnen roedeln eher willenlos mit der Maus auf dem
Bildschirm herum. Das ist nicht abwertend gemeint, sie kommen
genauso ans Ziel. Wenn ich aber meinen Freunden am
Nachbar-PC ohne Braille-Zeile oder Sprachausgabe helfen soll -
etwa eine statistische Analyse mit der statistik-Software SPSS zu
rechnen geht das meistens folgendermassen: "... und jetzt das
Kontrollkaestchen fuer das exakte Signifikanzniveau aktivieren."
- "was um himmels willen ist ein Kontrollkaestchen ... ach so,
ich soll auf 'exaktes signifikanzniveau' klicken"..   

Zur Zeit schreiben wir zu dritt an einem Skript zu unseren
Statistik/Methodenlehre-Veranstaltungen im Hauptstudium
Psychologie. Ich setze es in Latex. Bei einer zehnseitigen
Einfuehrung in die Matrixalgebra habe ich nur einen syntaktischen
Fehler gemacht, und das Layout musste nur in einer klitzekleinen
Kleinigkeit verbessert werden. Ich erwarte jetzt kein
Schulterklopfen, will aber sagen, dass man auch Layout-probleme
abstrahieren und vorhersehen kann, so weiss ich etwa, dass Latex
mit dem vertikalen Abstand zwischen Matrizen, die ihrerseits in
eine Tabular-Umgebung eingebettet sind, geizt. Kurz und gut: In
Winword, wo die Kontrolle ueber Sprachausgabe und Zeile moeglich
waere, haette ich mir das Schreiben einer Einfuehrung in die
Matrixalgebra nicht zugetraut.

Um die Mail nicht noch laenger werden zu lassen, melde ich mich
nach dem Wochenende wieder und schreibe noch etwas zum der
Moeglichkeit, Latex im Mathematikunterricht bei Blinden
einzusetzen.

bis dahin: \emph{Ein sch"ones Wochenende} \end{document}

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