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Re: braillekonvertierung Wiener Beschlüsse



Hallo Marion und FBLINU!

On 21 Jul 1999, Marion Weber wrote:

> Vor einigen Tagen habe ich von der katholischen Universitaet Eichstaett  
> einen Brief erhalten, darin wurden 2 neue Versionen der SBS-SEGBRA- 
> konvertierung erwaehnt.
> Was hat es damit auf sich? Welche Version kann was? Welche ist fuer den  
> Hausgebrauch geeignet?

Leider bin ich mit meinen Kenntnissen nicht auf dem neuesten Stand.
Trotzdem versuche ich, einige erklaerende Worte zu finden.

Bei der Kurzschrift-Uebersetzungs-Software handelt es sich um ein nach dem
Baukastenprinzip aufgebautes System. Kernstueck ist das von Herrn Dr.
Slaby betreute und wohl auch weitgehend selbst entwickelte
Uebersetzungsprogramm SegBra (auch unter der Bezeichnung BRS bekannt). Es
existierte zumindest vor einiger Zeit noch als selbstaendiges Programm.
Man hatte die Moeglichkeit, gewisse Steuercodes in den zu uebersetzenden
Text einzufuegen und so den Uebersetzungsvorgang selbst und auch die
Formatierung der Ausgabe zu beeinflussen. Aus dem Brief, den ich uebrigens
auch bekommen habe, geht meiner Meinung nach hervor, dass das Programm in
dieser Form nicht mehr weitergepflegt werden soll.

Bei der SBS in Zuerich hat man sich - soviel ich weiss, zunaechst
unabhaengig von der Kurzschriftuebersetzung - Gedanken ueber ein
moeglichst universell einsetzbares Formatierungsprogramm fuer Punktschrift
gemacht und dabei eine Loesung gefunden, die vielfach als bahnbrechende
Idee gefeiert wurde. Hier wird die erste Spalte des Quelltextes
"freigeschlagen", d.h. der eigentliche Text beginnt in Spalte zwei,
waehrend die erste Spalte fuer Steuercodes reserviert wird. Es wurden dann
jede Menge Codes definiert, mit denen sich der Formatierungsprozess
steuern laesst. Einige Steuercodes, die dann "Marken" genannt werden,
muessen innerhalb des eigentlichen Textes (z.B. im Wortinnern)
untergebracht werden. Um Kurzschriftuebersetzung und Formatierung
zusammenzubringen, erstellte Herr Dr. Slaby eine modifizierte Version
seines SegBra, das keine eigenen Formatierungsanweisungen mehr
unterstuetzt, sondern die Eingabe von Steuercodes (Spalte 1) und Marken
(im Text) ermoeglicht, die dann an den Formatierer SBSForm weitergereicht
werden. Diese Programmkombination ist wohl die erste in dem Brief genannte
Moeglichkeit. Sie kann fuer den Hausgebrauch durchaus ausreichen, laesst
aber doch manche Wuensche offen.

An der Fernuniversitaet Hagen wurden schliesslich eine ganze Reihe von
Zusatzprogrammen gestrickt, die teilweise in den Uebersetzungslauf
eingebunden wurden, teilweise aber auch als selbstaendige Hilfsprogramme
zu benutzen sind. Sie ermoeglichen es beispielsweise, die vorgegebenen
Kuerzungslisten zu erweitern. Ausserdem hat man zusaetzliche
Moeglichkeiten zur Formatierung und vor allem zur Druckgestaltung.
Hauptsaechlich fuer wissenschaftliche Literatur war die Einfuehrung einer
"Orientierungsspalte" gedacht, ueber die man Satzenden, Fussnotenverweise
usw. leichter auffinden kann. Meiner Beobachtung nach hat sich dieses
Verfahren aber nicht recht durchsetzen koennen. Die Hagener Version (HBS)
ist also um einiges leistungsfaehiger als nur SegBra mit SBSForm. Als
Privatmensch wird man aber ihre Moeglichkeiten kaum ausschoepfen.

Jetzt zu den Preisen: 

1.) SBS-SegBra Version 4 soll 100,- DM kosten. Dokumentation in
"schriftlicher" (soll wohl heissen: ausgedruckter) Form wird nicht
mitgeliefert.

2.) HBS-SBS-SegBra Version 6 ist zum Preis von 250,- DM erhaeltlich.
Hiermit bekommt man auch einen Teil der Dokumentation in ausgedruckter
Form.

3.) Die gedruckte Version der Dokumentation zu SBSForm (6
Punktschriftbaende + Schwarzschrift) kann zusaetzlich zum
"Selbstkostenpreis" von 200,- DM bezogen werden.

Die Bezugsadresse lautet:

     Schweizerische Bibliothek fuer Blinde und Sehbehinderte
     "Braille Press Zuerich"
     Frau S. Gehrig
     Albisriederstr. 400
     CH-8047 Zuerich
     e-mail: braillepress_bEi_sbszh.ch

Ueber die ganze Sache kann man natuerlich sehr geteilter Meinung sein. 
Dass ich das Steuercodeverfahren der SBS absolut nicht mag und die
Dokumentation unnoetig geschwaetzig finde, ist mein eigenes Problem, da
moechte ich niemandem meine Meinung aufdraengen. Warum man sich jedoch
nicht schon laengst von der antiquierten Methode einer "Programmkette" mit
vielen Zwischendateien verabschiedet hat, ist bestimmt nicht nur mir ein
Raetsel. Unverstaendlich ist weiterhin, dass immer noch drei getrennte
Stellen an dem Produkt herumentwickeln. Ganz und gar fragwuerdig jedoch
finde ich die Preispolitik, die hier verfolgt wird. SegBra bzw. HBS waren
fuer private Nutzer ja auch schon unentgeltlich zu bekommen, aber
anscheinend moechte man sich inzwischen die viele Arbeit doch angemessen
bezahlen lassen. Ein Blick auf das riesige Angebot an z.T. hoechst
leistungsfaehigen freeware-Programmen (darunter das komplette
Betriebssystem Linux) laesst allerdings die Frage aufkommen, was denn eine
"angemessene Bezahlung" fuer Softwareprodukte heutzutage eigentlich sein
soll. Wenn ausserdem 200,- DM der "Selbstkostenpreis" fuer sechs
Punktschriftbaende und ein Schwarzschriftbuechlein ist, wieviel mag dann
der Verlag Gruner & Jahr geblecht haben, der die Stern/Zeit
Blindenzeitschrift fast dreissig Jahre lang vierzehntaegig zum Nulltarif
erscheinen liess, um eben das Kurzschriftuebersetzungsprojekt zu
unterstuetzen. Was sollen da noch die paar Hunderter, die von einer
Handvoll ehrlicher Privatnutzer eingehen (wer clever ist, besorgt sich ja
sowieso eine Raubkopie)? Wer sich informieren moechte, wie man zeitgemaess
mit der Verteilung von Softwareprodukten umgeht, moege sich irgendein
GNU-Produkt hernehmen (z.B. den unuebertrefflichen C-Compiler GCC) und
dort in der Datei COPYING die Lizenzbedingungen studieren.

Viele Gruesse,
Eberhard